Wie ich mit kindlicher Naivität Lizenz-Schätze fand

Mit infantiler Naivität an Videospiele heranzutreten, muss nicht immer eine gravierende Fehleinschätzung nach sich ziehen, die Begeisterung in Enttäuschung verwandelt und zusätzlich ein klaffendes Loch in den Geldbeutel reißt. Sicher, immer, wenn mein kindliches Ich vor dem Spieleregal eines Elektronikgeschäftes stand, hat es sich stets leichtgläubig von der Verpackung eines solchen damals wie heute so betrachteten Wunderwerks elektronischer Unterhaltungskunst verführen lassen: Ein uninformierter Griff in die Randsektion des Regals und ein ausdrucksstarkes ,,Oh wie krass, Star Wars Episode 1 gibt es für die PS One?“ provozierten die nachträgliche Erkenntnis, dass nicht jedes Spiel gleich ein Wunder menschlicher Schaffenskraft ist, sondern auch harte Realität verbockter Programmierkunst sein kann. Das musste ich als ein verwöhntes Gör, deren Leidenschaft für das Medium einstweilen mit den erlesenen Exemplaren Pokémon und Super Mario begann,  auf die harte Weise lernen.

Bilder auf der Hülle eines Videospiels, welche die Abenteuer der Helden aus meinen ersten Kinofilmen und immerwährenden Nachmittagsprogrammen von Super RTL und Konsorten wiedergaben, zeugten damals von einer weitaus stärkeren Anziehungskraft als neue, unbekannte Welten und deren Bewohner. Ferner weckten bereits namhafte Heroen und Heroinen die Erwartung, mich unmöglich enttäuschen zu können: Wenn Obi Wan und Darth Maul mit ihren surrenden Lichtschwertern meine nach Action und Abenteuer trachtende Kinderseele im Kino so begeistert haben, warum sollten sie das nicht auch auf meiner PS One tun? Diese simple Kausalität führte schließlich zu der eingangs erwähnten Fehleinschätzung, die natürlich nicht nur meiner damaligen Leichtgläubigkeit verschuldet war; Mit dem richtigen Lesestoff und der kollektiven Stimme aus dem Netz, hätte ich sicherlich schneller in Erfahrung gebracht, dass Star Wars Episode 1: Die dunkle Bedrohung für die erste Sony Playstation fürchterlich stinkender Lizenzmüll war. So musste ich die Unsteuerbarkeit und den unfairen Schwierigkeitsgrad des 3rd-Person-Action-Adventures am eigenen, arg enttäuschten Leib erfahren (immerhin wurde der Sound der Blaster und Laserschwerter originalgetreu nachgebastelt: pew pew!).

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Obi-Wan stellt sich dem Dauerfeuer der Droiden (die anders als ihre Klon-Kollegen ziemlich treffsicher sind).

Auch nicht das Sprachrohr ,,Schulhof“ und Kinderzeitschriften wie die ,,Kids Zone“ schützten die zarte Seele  vor Fehlkäufen: Sie kannten weder Kritik noch Aufklärung; Sie glorifizierten nur die Eliten der Spieleriege, während schwarze Schafe außen vor gelassen oder allenfalls am Rande bemerkt wurden. So erscheint es nicht abwegig, dass man im Alter von 8 beim Kauf eines Spiels auch mal ins Klo griff. Nun muss ich aber endlich meiner eingangs angestimmten These, dass kindliche Unbefangenheit nicht immer zu Ärger über verschwendetes Taschengeld führt, gerecht werden: Denn mit der Erfahrung einer Spielerin, die schon fünfzehn Jahre im Dienste steht, viel liest und im Internet ihr Unwesen treibt, wäre folgender Titel sicherlich Opfer von Vorurteilen gegenüber Lizenzspiele geworden:

Harry Potter und der Stein der Weisen (2001, GBC)

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Dieser Bubble-Head-Harry ist ein Paradebeispiel missratener Videospiel-Cover-Kunst.

Wohl einige Jahre nach der Erstveröffentlichung von Harry Potter und der Stein der Weisen, ein Buch, welches durch seinen außergewöhnlichen Einfallsreichtum eine gesamte Generation in einen fantastisch flammenden Ekstase-Zustand versetzt hat, muss das damals noch halbwüchsige aber schon freche Entwicklerstudio EA Games  auf die glorreiche Idee gekommen sein, diesen jugendlichen Enthusiasmus für eine Bücherreihe auf das Medium Videospiele zu transferieren. Das Ergebnis, ein Action-Adventure mit gleichem Namen, stand Ende 2001 in den Läden und verzeichnete für jede, seinerzeit denkbare Plattform einen Ableger. Ich, Potter-Fan der ersten Stunde, griff zu jener Zeit beherzt und nach bekanntem Muster zur Version für den GameBoy Color: ,,Harry Potter auf der Verpackung? (zugegeben war und ist das die hässlichste, die ich je gesehen habe) Das muss gut sein!“.

Was mich erwartete, war jedoch alles andere als ein generisch lineares Hüpf- und Draufhau-Abenteuer: Diese stille Erlesenheit für den GBC orientierte sich anders als seine Konsolenbrüder an die großen Meister japanischer Rollenspielkunst und kam als Final-Fantasy-eske Mischung aus JRPG und Trading Card Game samt Kopffüßler-Optik und rundenbasierten Kampfsystem daher. Ich, gerade einmal zehn Jahre alt und schon JRPG-Veteranin, rieb bei solch glücklich gefundenem Festmahl natürlich hungrig die Hände.

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Der charmant pixelige Aufmachung erinnert an so manchen JRPG-Klassiker.

Typisch für ein Rollenspiel startete ich das Spiel als kleiner unwissender Dreikäsehoch (dem Buch zu urteilen, waren es eher ein Zweikäsehoch mit knubbeligen Knien), dessen Leben von jetzt auf gleich einem tiefgreifenden Wandel unterzogen wurde: Vom Ligusterweg Nr. 4 zog es mich und Pixel-Potter direkt an die dicke Hand des bärtigen Hagrid, der mich in die Winkelgasse und damit in eine verzauberte Welt, völlig konträr zum verregneten Alltagsleben eines Briten, entführte. Bei Ollivander erhielt ich Zauberstab und Kartendeck und startete ein Abenteuer, welches in seinen Abläufen der Buchvorlage durchweg ähnelte.

Nicht nur das, durch Klang und Kulisse kongruierte dieses Spiel weitgehend mit den Vorstellungen, die ich beim innigen Lesen des Rowling-Werkes entwickelt habe, sodass sich dieses Spiel als eine perfekte Symbiose von Lieblingsbuch und Lieblings-Videospiel-Genre herausstellte. Die Experimentierfreudigkeit, welche das Spiel in einer Weise erstrahlen ließ, als hätte der Zauberlehrling selbst mit ,,Lumos!“ nachgeholfen, macht Harry Potter und der Stein der Weisen zu einem Geheimtipp, den ich ohne den Glauben an den Mythos, eine vielversprechende Hülle enthalte auch ein unübertrefflich gutes Spiel, wohl nie entdeckt hätte. Und in diesem Fall war die Verpackung nicht einmal wunderhübsch; Dennoch: Potter, wenn auch in der Gestalt eines horrenden Blasenkopfes, war einer der vielen Helden meiner Kindheit. Dass er das Cover eines Spiels mehr oder minder zierte, war der ausschlaggebende Impuls, der mich schlussendlich zum Kauf verleitete.

Gänzlich unvoreingenommen an Videospiele (und gewiss auch an viele andere essentielle Elemente des Lebens) heranzugehen, ist heute wohl nicht möglich. Zumindest dann nicht, wenn man ein kritikfähiger Erwachsener ist und am liebsten das Internet als seinen Zweitwohnsitz beim Amt melden würde.

Ich beneide die Naivität eines Kindes, ja. Denn Spiele wie Harry Potter oder auch Spiderman 2, welches als unfreiwillig komische aber umso großartigere Ps2-Lizenz-Überraschung einen ganz eigenen Blogeintrag verdient, haben mir gezeigt, dass es damals ausreichte, sich voll und ganz ohne jegliche Vorabinformation auf die Wirkkraft eines geliebten Helden zu verlassen. Dass diese Spiele dann auch noch wirklich gut waren und eine ganze Menge Spaß bereiteten, war gewiss einem glücklichen Händchen geschuldet, das ich heute als größergewachsene, rational denkende Person nicht mehr riskieren würde (An dieser Stelle, gedenken wir in einer Schweigeminute etlicher verschwendeter Euromünzen, die wir gewiss alle einmal für eine Lizenzgurke ausgegeben haben).

Die befriedigende Erkenntnis dieses Artikels lautet dann wohl, dass Lizenzspiele nicht per se schlecht sein müssen, sondern nur einen ziemlich miesen Ruf haben; die unbefriedigende Erkenntnis (oder wohl eher Vermutung) hingegen, dass unsere erwachsene kalkulierende Rationalität deshalb so manches geheimes Wunderwerk wohl für immer im Verborgenen hält.