Retro-Flashback: Final Fantasy Tactics Advance

In eine andere Stadt umzuziehen bedeutet für ein Kind, welches gerade das zehnte Lebensalter erreicht und den Horizont seines noch so jungen Lebens um ein weiteres großes Stück erweitert hat (es war jetzt schließlich genau in dem richtigen Alter, Pokémontrainer zu werden), unvorstellbar schrecklich. Ich selbst befand mich im Winter vor circa dreizehn Jahren in diesem Dilemma: Meine Eltern, mussten der Arbeit wegen die kleine Stadt, in der ich ein Jahrzehnt meines Lebens verbrachte, verlassen und nahmen mich natürlich mit. Sie rissen mich heraus aus dem Ort, den ich als meine Heimat bezeichnete. Stattdessen ging es in die Großstadt, eine für mich fremde und neue Welt. Ich musste meine Freunde zurücklassen; ich musste die Herausforderung annehmen, wieder ganz von vorn anzufangen. Eine neue Klasse, neue Gesichter, neue Freunde und neue Rivalen – auf all das musste ich mich binnen kurzer Zeit einstellen.

In dieser nicht immer leichten Phase der Neuorientierung verbrachte ich mehr Zeit mit meinem Game Boy als sonst: Ich spielte Pokémon Silber nochmals durch, um mich an die unbeschwerten Linkkabelkämpfe mit meinen alten Freunden auf dem Schulhof zu erinnern; ich spielte Dragon Ball Z: Legendäre Superkämpfer, weil mir die Serie damals viel Kraft gab; und ich entdeckte die Final-Fantasy-Serie für mich, jedoch zunächst nur auf der Playstation. Damals spielte ich Final Fantasy 8 und Final Fantasy 9 rauf und runter, kannte ganze Dialoge auswendig, kannte jeden Pixel-Pflasterstein eines jeden kleinen Dorfes. Dann eines Tages, es muss im Oktober 2003 gewesen sein, sah ich es im Regal des Elektronikmarktes: Eine kleine weiße Pappschachtel, die mit der wohlbekannten edlen Schrift bestickt war: Final Fantasy Tactics Advance. Und dieses Spiel war nicht für die Playstation, nein, es war für meinen geliebten Game Boy Advance, den ich mir jüngst zugelegt hatte. Es war ein Final Fantasy zum mitnehmen; es war ein Final Fantasy zum Spielen unter der Bettdecke. Ich musste nicht lange überlegen und kaufte es.

Willkommen in Ivalice!

Der Anfang des Spiels war märchenhaft: Schneeflocken fielen vom Himmel und veranlassten die Menschen einer realitätsnahen Kleinstadt, sich in einer mollige Wintergaderobe zu werfen; Autos fuhren durch die verschneiten Straßen und in den Wohnungen beseitigte der warme Kamin jegliche kühle Winterstimmung. Nach diesem von wunderschöner Musik untermalten Auftakt fand ich mich auf einem Schulhof wieder, auf dem sich eine Schneeballschlacht anbahnte. In dieser Schlacht ging es um alles. Hier ging es vor allem um den Neuen der Klasse, Marche, der mit seinem kleinen Bruder Doned in das winterliche St.Ivalice gezogen ist. Von seinen Klassenkameraden gnadenlos unterschätzt, gemobbt, gehänselt musste er sich mit den einzigen zwei Person, die zu ihm hielten behaupten; er musste mit ihnen zusammen im frostigen Weiß einen kühlen Kopf bewahren. Der eine, ein Junge mit dem Namen Mewt, war ein Außenseiter. Die andere Person war ein Mädchen namens Ritz, verspottet, wegen ihrer unnatürlichen leuchtend pinken Haarfarbe. Und so wurde ich mitten hineingeworfen in die Schneeballschlacht.

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Die Charaktere lernen sich in St. Ivalice kennen, einer Kleinstadt, die unserer Realität ähnlich ist.

Der Bildschirm zeigte ein Kampfareal, auf dem ich meine Figuren wie auf einem Schachbrett bewegen konnte. Ziel war es, die anderen Kinder mit dem Schneeball ordentlich einzuweichen und dabei selbst nicht allzu viel Schaden davon zu tragen. So lernte ich spielerisch, auf ungefährlichem und konsequenzlosem Boden, die Grundmechaniken von Final Fantasy Tactics Advance. Denn dieses Spiel war kein herkömmlicher Teil der Serie, sondern ein rundenbasiertes Taktik-Rollenspiel! Final Fantasy Tactics Advance bewies vielmehr Spieltiefe als ich es je von einem Spiel dieser Serie gewohnt war. Das forderte und, zugegeben, überforderte mich damals als Kind. Doch schauen wir uns das Spielprinzip einmal genauer an.

Fast vergaß ich: Die Schneeballschlacht hatten Marche, Ritz und Mewt natürlich für sich entscheiden können. Danach überschlugen sich die Ereignisse: Zur Feier des Tages lud der Neuankömmling Marche seine Freunde zu sich nach Hause ein. Mewt, der zuvor ein Buchgeschäft besucht hatte, brachte seine Ausbeute mit. Es handelte sich um ein altes, schweres Märchenbuch. Was sie nicht wussten: Dieses Buch war das legendäre Gran Grimiore. Obwohl die Protagonisten unfähig waren, die geheimnisvolle Sprache des Buches zu verstehen, blätterten sie sich durch dessen Seiten und versuchten zu lesen:

,,Alta oron. Sondus kameela“

Das erste was Marches noch müden Augen am nächsten Morgen sahen, waren nicht etwa die zugezogenen Vorhänge seines Zimmers. Nein, es war gleißendes Sonnenlicht und der schimmernde Sand einer Welt, die scheinbar das völlige Gegenteil zur winterlichen Kleinstadt darstellte.

Willkommen auf dem Kontinent Ivalice!

Der neue Geist des Feudalismus

Die Arbeitsgesellschaft im feudalen Wüstenkontinent Ivalice lebte nicht nur von seinen Händlern und Tavernenbesitzern: Ein Großteil der Bevölkerung war Mitglied eines Clans, einer Interessengemeinschaft, die sich auf Grund gemeinsamer Talente und Weltanschauungen zusammenfand und zusammenarbeitete. Diejenigen, die zum Wohlwollen aller handelten, die den Schwachen halfen und den starken Abtrünnigen Einhalt geboten standen denen gegenüber, die sich für einen weitaus dunkleren Weg entschieden hatten. Sie plünderten Dörfer und raubten fahrende Händler aus; sie logen und betrogen. Gut und Böse befanden sich im andauernden Widerstreit, sie bekämpften sich, sie gönnten einander nichts.

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So sah ein typischer Kampf aus: In der Bildmitte befindet sich hier der Richter mit schwerer Rüstung und Chocobo.

Das Clanleben war hart, das merkte auch Hauptcharakter Marche, der vom Moogle Montblac kurz nach seiner Ankunft in der fremden Welt in den Neulings-Clan Wirrling aufgenommen worden war. Denn ein sicheres Leben zu führen, hieß auch in Ivalice, Macht und Geld zu besitzen: Ein ehrlicher Clan, so auch mein eigener, nahm dafür Missionen in der örtlichen Taverne an. Bei Erfolg winkten genre-typische Belohnungen wie Waffen, Rüstungen, Items, Gil sowie Erfahrungs- und Clanpunkte. Letztere steigerten den Rang des Clans, sodass nach und nach anspruchsvollere Missionen freigeschaltet wurden.

Zudem boten nach abgeschlossenem Kampf potenzielle Clanmitglieder ihre Dienste für Wirrling an: Maximal 24 Gefährten, von Mensch bis Viera, konnten mit Waffen, Rüstungen, Accessoires und Talenten ausgestattet werden. So verbrachte ich damals nicht nur viel Zeit auf dem Schlachtfeld, sondern beinahe genau so viel im Menü.Wie eben schon angedeutet, lebten in Ivalice nicht nur Mensch und Mogry, sondern auch zahlreiche andere Rassen, die bereit waren, im Clan-Alltag mitzumischen: So konnten auch die echsenartigen Bangaa, die weisen Nu Mou oder die grazilen Viera einem von 34 Jobs, dem für Final Fantasy typischen Äquivalent zur herkömmlichen ,,Klasse“, zugewiesen werden. Diese waren teils rassenexklusiv, teils universell: So konnte ein Mensch das Amt des Paladin bekleiden; Ein kräftiger Banngaa eignete sich perfekt als Gladiator, eine gerissene Viera hingegen machte sich gut als Scharfschützin.

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Zwischen den Kämpfen bewegte man sich frei auf der Karte von Ivalice.

Die Neben- und Hauptmissionen des Taktik-RPGs sind dabei nie besonders vielseitig gewesen, was aber als allgemeines ,,Problem“ des Genres nicht als schwerwiegendes Manko anzusehen ist. Feindliches Diebesgesindel besiegen, einen besonderen Mob plus Monstergesellschaft bezwingen, oder einen VIP im Kampf beschützen – das alles sind typische Aufträge eines rundenbasierten Taktik-Rollenspiels, die unter anderem auch in Fire Emblem Awakening zu finden sind. Doch ein unkreatives Missionsdesign fällt bei einem Genre, bei dem Kampf und Kampfmechanik per se im Vordergrund stehen, nicht sonderlich ins Gewicht.

Die Strategie des Krieges

Wie von einem rundenbasierten Strategie-RPG gewohnt, blickte ich in einer isometrischen Perspektive auf den Kampfschauplatz, der in ein quadratisches Raster untergliedert war. Je nach Laufgeschwindigkeit und Reichweite der jeweiligen Figur, konnte ich diese entsprechend bewegen und Angriff oder Verteidigung planen. Höhenunterschiede im Terrain bestimmten zusätzlich die Planung eines Zuges: So war ein Bogenschütze weitaus effektiver wenn er von einer erhöhten Plattform aus angriff. Ein klassischer Schwertschwinger übte sich hingegen im Nahkampf; wie effektiv dieser ausfiel, bestimmte die jeweilige Angriffsposition: Ein frontaler Schlag konnte vom Gegner leicht geblockt werden. Ein heimtückischer Stich in den Rücken, verursachte jedoch immensen Schaden.

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Das besondere Artdesign stammt aus der Feder von Ryōma Itō, der u.a. auch für das Charakter-Design von Heroes of Mana verantwortlich war.

So weit, so klassisch – die Besonderheit des Kampfsystems bestand jedoch aus Gesetzen, die den Kampf mit bestimmten Restriktionen versahen: Denn Ivalice war kein gesetzloser Kontinent, auf dem jeder nach eigenem Gusto beliebig handeln konnte. So gennante Richter, mehr oder minder freundliche Rüstungsträger, die uns in auch Final Fantasy 12 begegnet sind, sorgten dafür, dass geltende Gesetze und Regeln eingehalten wurden. Diese Gesetze belohnten, bestraften oder gar untersagten bestimmtes Kampfverhalten: So konnte es beispielsweise vorkommen, dass in einem Match der Einsatz von Dolchen und Schwertern untersagt wurde. Wer entgegen der jeweiligen Vorschriften handelte, sammelte die rote Karte und musste sogar mit einer Gefängnisstrafe für die abtrünnige Spielfigur rechnen, welche im Anschluss nur mit einer hohen Summe Gil freigekauft werden konnte. Die Gesetze fielen zudem von Kampf zu Kampf unterschiedlich aus und verlangten deshalb Planungssicherheit und zuweilen Improvisation, was nicht nur die (An)spannung hob, sondern auch für Frust sorgen konnte, wenn die speziellen Regeln ausversehen überlesen wurden. Das Einhalten der Gesetze sowie das Besiegen von Gegnern bescherte hingegen Richterpunkte, mit denen es möglich war, mächtige Totema zu beschwören. Diese konnten mit verheerenden Angriffen das Blatt zu meinen Gunsten wenden und somit einen Kampf schnell beenden.

In Memoriam

In meiner anfänglichen Überforderungsphase war ich zerrissen: Dieses Spiel war kein Final Fantasy, welches mich mit seinen wohlbekannten und immer geliebten Spielmechaniken begeistern konnte: Ich konnte in diesem Spiel nicht frei durch die Welt spazieren; ich lief nicht über die Oberweltkarte, an deren Westende ein nebliger Wald auf mich wartete. Stattdessen wurden mit fortschreitender Handlung zusätzliche Gebiete verfügbar, die ich frei auf der Karte platzieren konnte. Somit oblag es mir, die Gestalt Ivalices nach eigenem Gusto zu bestimmen.

Ja, ich war lange hin und her gerissen. Doch im Nachhinein denke ich sogar, dass dieses Spiel eines der besten Final-Fantasy-Ableger ist, das ich je gespielt habe, wenn es allein um das Spielerische geht. Kein Spiel der Serie hatte mich so süchtig gemacht: Über 90 Spielstunden tüftelte und plante ich, malte mir Taktiken aus und entwickelte meinen grünschnäbligen Clan zu einer schier unüberwindbaren Festung.

Die Geschichte von Final Fantasy Tactics: Advance war eine kleine Geschichte. Versteht mich nicht falsch, sie war keineswegs ein stilles Beiwerk, das den Hauptaspekt des Spiels, die taktischen Kämpfe, sang- und klanglos ergänzte. Doch damals als Kind konnte ich mir deren Kern nicht erschließen, sodass sie für mich niemals die Qualität der Playstation-Ableger erreichen konnte. Nur die spannenden Kämpfe und das Management von Ausrüstung sowie Items zogen mich in ihren Bann. Die eigentliche Qualität der Story wusste ich erst Jahre später zu schätzen.

Denn ging es vor allem ums Erwachsenwerden; es ging um die sensiblen Fragen nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Die Akteure befanden sich untereinander sowie innerlich im ständigen Widerstreit: Wurden sie doch in der grauen Realität als Versager verspottet; wurden sie doch gehänselt und geärgert. Nun, in der neuen Welt, in der blühenden Fantasie, konnten sie alles sein, was ihnen im vorherigen Leben, im echten Leben, niemals zustand: Sie waren Helden, stark, anerkannt und von allen geschätzt. Wozu sollten sie also zurückkehren?

Erst viel später verstand ich, dass mich damals viel mit den Protagonisten des Spiels verband: Auch ich stand vor der Herausforderung, in einer neuen, für mich unbekannten Welt, Fuß zu fassen. Ich musste mich orientieren, mich zuordnen, Anschluss finden und den Scherereien meiner Rivalen standhalten. Ständig stand ich vor der Frage, was ist wichtiger ist: Die eigene integre Persönlichkeit oder diejenige, die andere von mir verlangten? Blieb ich meinen Wurzeln treu oder passte ich mich ganz und gar der neuen Umgebung und den neuen Mitmenschen an? All diese Fragen behandelte auch Final Fantasy Tactics Advance, das ich dadurch wohl immer in diese eine Zeitspanne meines Lebens einordnen werde.

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