Bachelor-Arbeit vs Ich, Hüterin der Verderbten

„Du wächst mit deinen Aufgaben“ sagte meine Oma zu mir. Damals als ich in meiner gelben Latzhose steckte, mit tausend Fliegen im Magen nervös an den Metalverschlüssen ebenjener Hose klimperte und ihr zur Probe meinen ersten Aufsatz vorlas. Das war ein Tag vor der Abgabe. Zweite oder dritte Klasse, ich weiß es nicht mehr so genau. Thema: Katzen.

„Katzen sind Raubtiere und haben vier Beine. Sie sind Allesfresser und in fast allen Kontinenten zu Hause. Besonders im alten Ägypten waren sie beliebt. Ihre Ohren sind so gut, dass sie sogar den Strom hören. Wenn sie von einem Baum herunterfallen, drehen sie sich in der Luft und landen immer auf ihren Pfoten. Katzen werden ingefähr 15 Jahre alt. Der Kater von meiner Oma heißt Felix.“

Das war’s. Ein schönes Stück Arbeit, wie ich damals fand. Und Zeit kostete es auch. Immerhin einen halben Nachmittag, den ich nicht mit meinen Freunden draußen verbringen konnte. Nach 17 Jahren denke ich natürlich mit einem nostalgisch anmutenden Schmunzeln an mein damaliges Ich zurück. Und nicht zuletzt kommt mir meine Oma in den Sinn, die recht hatte.

17 Jahre später, dieses „Später“ ist nun drei Monate her, saß ich vor einem weißen digitalen Blatt Papier und gleichzeitig vor der größten Herausforderung meines bisherigen Lebens. Die Bachelor-Arbeit ist für viele einer der größten Meilensteine, so sagt man allenthalben. Stimmt. Und dieses eine mit vielen Bedeutungen und Erwartungen vollgestopfte Wort „Meilenstein“ brachte mich während der Arbeit nicht nur einmal an den Rand der Verzweiflung.

Der Teil von mir, der vor diesen bedeutsamen drei Monaten noch dachte, auf dem Schlachtfeld „Gesellschaft“ irgendetwas reißen zu können, hat sich mit einem kraftvollen Ellenbogencheck geschwind aus dem Staub gemacht. Hinfort in die Zeit nach meiner Bachelorarbeit. Übel nehmen konnte es ihm mein verbliebener gebrochener Teil nicht. Schließlich erschien die nicht-ganz-so-schemenhafte Zukunft (denn es war immer klar, wohin es nach dem Studium gehen soll) viel rosiger als meine durch Sorgen versiffte damalige Gegenwart.

Zeiten sind nicht so mein Ding. Ich bin eine Tagträumerin, die sich immer, wenn es geht, in Situatonen hineindenkt, die ihr besser gefallen als der Augenblick, mit dem sie gerade fertig werden muss. Nun war es aber so, dass die reale Wirklichkeit der Bachelor-Arbeit beständig mein vollstes Bewusstsein der Gegenwart erforderte.

Jeder Gedanke an meine Zukunft erdrückte mich, während sich jeden Morgen die Schwere des Hierundjetzt in meinen Kopf fraß. Diese Schwere wurde natürlich nur von Hirngespinsten verursacht. Kleine hundsgemeine Dämonen, die mit jeder vergangenen Woche, mit jedem Schritt hin zum Abgabedatum, größer wurden, weil sie sich an meinen Selbstzweifeln, Versagensängsten und viel zu großen Erwartungen nährten.

Oft startete ich meinen Tag mit einen Blick in irgendwelche Foren, in denen Studierende über ihre Sorgen schrieben. Ich dachte, mich der Existenz anderer Leidensgenossen und -genossinen zu vergewissern, erleichtert meine Situation. Genauso wie ich dachte, dass es hilfreich wäre, wenn ich mir Tipps einhole.

  • Schreibe deine Ziele auf einen Notizzettel
  • Mache dir einen Tagesplan
  • Schreibe Abends auf, was du am Tag geschafft hast
  • Schreibe in der Bibliothek, damit du nicht abgelenkt wirst
  • Nimm dir einen Tag Auszeit, um einen freien Kopf zu bekommen

Einen Scheiß hat das geholfen und nichts habe ich getan. Im Grunde lief jeder Tag gleich ab: Ich stand auf um kurz nach sechs. Frühstückte, trank Kaffee, bis sich sein Duft an Wände und Bettzeug band. Ich schaltete den Computer an und surfte im Dunst des Koffeins durchs Internet — nicht etwa auf Seiten, die nützlich für meine Bachelor-Arbeit gewesen wären, sondern auf Seiten, die mich über Videospiele, Social Media und Einkäufe informierten. Ich erstand in diesen drei Monaten etliche Bücher; davon kein einziges, das Themenfelder meiner Arbeit abdeckte, sondern jene Werke von Sapkowski, Gaiman und Murakami, die mir irgendwann die wiederkehrende Freizeit versüßen sollten.

Tja, und dann schaffte ich es irgendwie doch. Mit jeder Menge Prokrastination, Stolpern und noch mehr Schlägen auf den Kopf. Stück für Stück, Satz für Satz. In der Retrospektive war meine Bachelor-Arbeit ein viel zu langes Dark Souls, dessen grässliche Ungeheuer nur in meinem Kopf wüteten. Letztendlich habe ich gesiegt. Der Spieldurchlauf selbst aber war mies. Zu oft bin ich gescheitert. Zu viel Zeit habe ich verschenkt. Zu viel beschwert habe ich mich — letztendlich nur über mich selbst. Ja, es hätte besser laufen können. Nun lief es aber so, wie es lief. Gelernt habe ich trotzdem, wahrscheinlich mehr, als ein perfekter, fehlerfreier Run mir je hätte beibringen können.

Die größte, grässligste Gegnerin war immer ich selbst. Ich und meine Dämonen, die ich selbst produzierte, ernährte und großzog. Doch auch war ich es, die sie wieder verjagte. Nunmehr kann ich behaupten, dass die jetztigen Glücksgefühle jegliche Zweifel, die während der Zeit des Schreibens aufkamen, hinfortwischten. Erpicht darauf, diesen Holperweg noch einmal zu bestreiten, bin ich nun gerade nicht. Mit meiner Aufgabe ein großes Stück gewachsen, das bin ich sehr wohl.

 

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43KB

Nichts bringt meine Mutter und mich näher zusammen als das gemeinsame Durchblättern des dicken und etwas vergilbten Fotoalbums der Familie Sprenger. Nichts lässt uns auch nur ansatzweise lauter gemeinsam lachen, als meinem infantilen Ich dabei zuzusehen, wie es sich (im alter von anderthalb) Gänseblümchen in den Mund stopft, oder wie es (im alter von sechs) mit einem Peace-Zeichen vor einem riesigen Kaktus im Kurpark unseres liebsten Urlaubsortes Büsum posiert. In ihrem Glucksen oszillieren Glückseligkeit und ein mütterlicher Stolz, den ich jetzt im Alter von 24 am eigenen Leib erfahre.

Ich habe ein Kind. Es trägt den Namen „Gender und Videospiele — Geschlechterdarstellungen in The Last of Us“. Noch kurz ist sein Leben, das es im Dateiordner „Bachelor-Arbeit“ führt, aber erfüllt. Tagtäglich füttere ich es mit Informationen. Meine Werte, Normen und Ansichten, mit denen ich sozialisiert worden bin; Mein Wissen von der Gesellschaft und meine Liebe zu Videospielen — das alles gebe ich ihm mit auf den Weg. Manchmal ärgert es mich, erfüllt mich mit tiefstem Gram. Doch in solchen Situationen mache ich mir klar, wie wichtig es für mich ist, für mein Leben, für meine Zukunft, für mein eigenes Glück. Und dann nehme ich es doch wieder auf den Schoß, so wie es einst meine Mutter tat, als sie mir die Tränen von der Wange wischte und erklärte, dass ich mich von den frechen Kindern aus der Parallelklasse nicht unterkriegen lassen und mein eigenes Ding durchziehen soll.

Bloß nicht verunsichern lassen, einfach machen.

Mit zugleich strengen und freudestrahlenden Augen sehe ich mein Kind wachsen, mal schneller, mal langsamer, mal überhaupt nicht. Am 03. Mai 2016 ist es 43KB groß. Ich male einen Strich an die Wand. Und irgendwann, wenn es erwachsen ist, wenn ich ihm kein fruchtbares Wort mehr auf den Weg geben kann, dann gebe ich es in andere Hände, in die meines Profs.