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Nichts bringt meine Mutter und mich näher zusammen als das gemeinsame Durchblättern des dicken und etwas vergilbten Fotoalbums der Familie Sprenger. Nichts lässt uns auch nur ansatzweise lauter gemeinsam lachen, als meinem infantilen Ich dabei zuzusehen, wie es sich (im alter von anderthalb) Gänseblümchen in den Mund stopft, oder wie es (im alter von sechs) mit einem Peace-Zeichen vor einem riesigen Kaktus im Kurpark unseres liebsten Urlaubsortes Büsum posiert. In ihrem Glucksen oszillieren Glückseligkeit und ein mütterlicher Stolz, den ich jetzt im Alter von 24 am eigenen Leib erfahre.

Ich habe ein Kind. Es trägt den Namen „Gender und Videospiele — Geschlechterdarstellungen in The Last of Us“. Noch kurz ist sein Leben, das es im Dateiordner „Bachelor-Arbeit“ führt, aber erfüllt. Tagtäglich füttere ich es mit Informationen. Meine Werte, Normen und Ansichten, mit denen ich sozialisiert worden bin; Mein Wissen von der Gesellschaft und meine Liebe zu Videospielen — das alles gebe ich ihm mit auf den Weg. Manchmal ärgert es mich, erfüllt mich mit tiefstem Gram. Doch in solchen Situationen mache ich mir klar, wie wichtig es für mich ist, für mein Leben, für meine Zukunft, für mein eigenes Glück. Und dann nehme ich es doch wieder auf den Schoß, so wie es einst meine Mutter tat, als sie mir die Tränen von der Wange wischte und erklärte, dass ich mich von den frechen Kindern aus der Parallelklasse nicht unterkriegen lassen und mein eigenes Ding durchziehen soll.

Bloß nicht verunsichern lassen, einfach machen.

Mit zugleich strengen und freudestrahlenden Augen sehe ich mein Kind wachsen, mal schneller, mal langsamer, mal überhaupt nicht. Am 03. Mai 2016 ist es 43KB groß. Ich male einen Strich an die Wand. Und irgendwann, wenn es erwachsen ist, wenn ich ihm kein fruchtbares Wort mehr auf den Weg geben kann, dann gebe ich es in andere Hände, in die meines Profs.

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